Projektbeschreibung

Sprachen und deren Lautsysteme ändern sich im Laufe der Zeit und diese Lautänderungen lassen sich nicht nur nachträglich (z. B. Latein noctem → ital. notte) beobachten. Viele Studien haben in den vergangenen 50 Jahren eine Beziehung zwischen solchem sogenannten diachronen Wandel und der zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhandenen Variabilität in der alltäglichen gesprochenen Sprache, also der synchronen Variation, gezeigt. Synchrone und somit auch diachrone Variation werden von verschiedenen internen und externen Faktoren beeinflusst, die in diesem trinationalen D-A-CH Projekt mittels einer methodisch umfangreichen Studie zur (In-)Stabilität von Quantitätsverhältnissen in Vokal-Konsonant-Sequenzen (VK) in Standardvarietäten und Dialekten des süddeutschen Sprachraums untersucht werden sollen.

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Die hier untersuchten süddeutschen Varietäten unterscheiden sich sowohl synchron (aktuelle Dialektunterschiede) als auch diachron (Entwicklung innerhalb der Dialekte) hinsichtlich der phonetischen Realisierung von Kurz- und Langvokalen (vgl. z. B. <a> in Stadt vs. Staat) und sog. Lenis- und Fortisplosiven (vgl. z. B. <d> in Boden (= Lenis mit kürzerer Dauer) und <t> in Boten (= Fortis mit längerer Dauer)). Während die Quantitätsverhältnisse in VK-Sequenzen im Schweizerdeutschen diachron relativ stabil geblieben sind (auch moderne Sprachstufen haben einen Vokal- und einen Konsonantenlängenkontrast), ist der althochdeutsche Konsonantenlängenkontrast im Standarddeutschen verloren gegangen (/d/ und /t/ werden in der jetzigen Aussprache vor Allem durch das Vorhandensein von Behauchung nach /t/, nicht aber nach /d/ auseinandergehalten); in den mittelbairischen Varietäten wiederum sind Vokal- und Konsonantenlänge komplementär verteilt (Kurzvokale vor langen Fortiskonsonanten und Langvokale vor kurzen Leniskonsonanten). Die bairischen Quantitätsverhältnisse scheinen sich allerdings zu ändern, vermutlich aufgrund von Dialektausgleich. Das Projekt ergreift die Gelegenheit, in einer großangelegten Apparent-Time-Studie (Vergleich zweier Altersgruppen innerhalb einer Sprechergemeinschaft) diesen prosodischen Wandel im Fortschritt zu untersuchen und die instabilen Quantitätsverhältnisse mit stabileren in anderen Varietäten zu vergleichen. Das Hauptziel ist die Modellierung der Bedingungen, unter denen sich Quantitätsverhältnisse diachron ändern, um so ein besseres Verständnis prosodischer Wandelprozesse in den Sprachen der Welt zu gewinnen. Das Projekt enthält vier konkrete Ziele:

  1. Eine Typologie der Quantitäten in oberdeutschen Dialekten und den drei nationalen Standardvarietäten (Deutschland, speziell Süddeutschland; Österreich; Schweiz) aufzustellen.
  2. Den prosodischen Wandel weiterführend und die Gründe für Wandelprozesse in einigen Varietäten grundlegend zu untersuchen.
  3. Den Einfluss interner (z. B. Sprechgeschwindigkeit) und externer (z. B. Spracheinstellungen) Faktoren auf die synchrone Variation in der Produktions-Perzeptions-Beziehung bei Erwachsenen zu prüfen.
  4. Einerseits die Entwicklung von Quantitätsverhältnissen im Erstspracherwerb und andererseits die alte, wenn auch umstrittene Hypothese einer möglichen Beziehung zwischen synchroner Variation in Kindersprache und prosodischem Wandel zu untersuchen.

Die Innovation des Vorhabens liegt in der großangelegten, varietätenübergreifenden Apparent-time-Studie, die auch Kinder verschiedenen Alters einschließt; in der Kombination aus artikulatorischen, akustischen und auditiven Methoden; und in der Berücksichtigung sozialer und phonetischer Faktoren. Das Projekt verbindet die am ISF (Wien) etablierten akustischen und soziophonetischen Analysen von Quantitätsverhältnissen in österreichischen Varietäten mit den am IPS (München) entwickelten akustischen, perzeptiven und physiologischen Methoden zur Produktions-Perzeptionsbeziehung bei Sprechern aller Altersgruppen und den am Phonetischen Laboratorium (Zürich) etablierten Methoden zur Typologisierung schweizerdeutscher Varietäten. Langfristig dient die Kollaboration dazu, ein Lautwandelmodel an der Phonetik-Phonologie-Schnittstelle zu entwickeln, das die durch dieses Projekt gewonnenen Ergebnisse zu internen und externen Faktoren in der Stabilität von Quantität, Spracherwerb und linguistischem Wandel integriert.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts

Das Projekt betreibt Grundlagenforschung zu aktuellen Fragen der modernen Sprachwissenschaft, insbesondere zum Verhältnis von Sprachwandel, Sprachvariation und Spracherwerb. Es leistet gleichzeitig einen Beitrag zur vertieften Kenntnis der in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gesprochenen Varietäten des Deutschen und seiner Dialekte.

Schlagwörter

Vokalquantitäten, Konsonantenquantitäten, Lautwandel, Soziolinguistik, Sprachentwicklung und -erwerb, Dialektentwicklung und -erwerb, phonologische Typologie, südliche Varietäten des Standarddeutschen, oberdeutsche Dialekte